Die Verwandlung – Greta Marileen bei der Deutschen Meisterschaft
Da ich mich nicht nur fünf Tage vor Ort aufhielt, sondern in dieser Zeit Greta bei ihren Spielen sekundierte, werde ich diesen Bericht als „Ich-Erzähler“ präsentieren.
Leider konnte ich erst am Dienstag nach Pfingsten, dem 26. Mai, anreisen und Greta ab der fünften Runde unterstützen. Am 23. Mai fuhr ich allerdings mit ihrem Vater und ihr nach Willingen, um den Ort der Meisterschaften, das Sauerland-Stern-Hotel, kennenzulernen.
Der 1. Vorsitzende der SJRP, Ludwig Peetz, kümmerte sich um die Vorbereitung der Jüngsten, also auch Greta Marileen. Ab der fünften Runde konnte ich ihn dann ein wenig entlasten.
Verlauf der neun Spiele
Als wir, Gretas Vater und ich, am 26. Mai nach der vierten Runde anreisten, war Greta kaum wiederzuerkennen. Nach einem Remis und drei Niederlagen in den ersten vier Spielen wollte sie, völlig frustriert, mit ihrem Vater, der nur an diesem Tag Urlaub hatte, nach Hause fahren.
Gemeinsam schafften wir es, sie zu überreden, in Willingen zu bleiben und weiterzuspielen. Dazu versprach ich ihr vollmundig, es werde ab jetzt besser für sie laufen. Hatte ich den Mund zu voll genommen?
Auch wenn ich zwar bei diesen ersten vier Spielen nicht anwesend war, möchte ich nach Sichtung der Notationen kurz darauf eingehen:
1. Partie
Greta spielte mit Weiß gegen ein Mädchen mit einer DWZ nahe 1500. Aber sie hielt so gut mit, dass es kurz vor dem Ende zu einer Stellung kam, in der sie bis in „alle Ewigkeit“ Schach hätte bieten können. Dann wäre es unweigerlich zu dreifacher Stellungswiederholung oder spätestens nach 50 Zügen zum erzwungenen Remis gekommen.
Zu diesem Zeitpunkt kannte sie diese Technik noch nicht, wird aber – da bin ich mir sicher – solche Stellungen künftig halten. Diese verlor sie aber leider noch.
2. Partie
Was soll man sagen? In ausgeglichener Stellung mit einem Zug die Partie zu verlieren, sollte nicht passieren, lässt sich aber nicht immer vermeiden. Ich weiß, wovon ich rede. 🙂
3. Partie
Wenn man bei seinem ersten großen Turnier nach zwei Niederlagen ein Unentschieden angeboten bekommt, ist man geneigt, den „Spatz in der Hand“, also das Remis, zu nehmen. Hier spielte also die Psychologie eine Rolle.
Daher kritisiere ich das nicht, auch wenn die Stellung, objektiv betrachtet, gewonnen war. Wer nicht in der Lage ist, die Psyche eines 10-jährigen Mädchens zu begreifen, mag das kritisieren, aber das ist an dieser Stelle irrelevant.
4. Partie
Im Unterricht erwähnten wir mehrmals, man müsse nicht alles schlagen, was man schlagen kann. Das war vor allem auf LxSf6 oder ähnliche Züge bezogen. Haben wir übertrieben?
In dieser Partie hätte ein Damentausch im Mittelspiel voll ausgeglichen. Greta wollte mit den Damen auf Gewinn spielen, aber leider war die Gegnerin eher am Zug und Greta verlor eine verrückte Partie.
Ab Runde fünf: neue Energie, neue Vorbereitung
Ab der fünften Runde hatte Greta Marileen Unterstützung durch ihren Trainer, der ohne vorherige Planung zum Sekundanten wurde.
Als ich entdeckte, dass alle bereits gespielten Partien unmittelbar nach ihrem Ende als PGN auf der Turnierseite abrufbar waren, konnten wir daraus eine Strategie erstellen, die die bisherigen Partien der künftigen Gegnerinnen mit einbezog. In einem Fall konnten wir sogar auf frühere Partien zugreifen. Dazu später mehr!
5. Partie
Die Partie war nicht von hoher Qualität, aber Greta ging optimistisch in die Partie und … ihre Gegnerin machte einen entscheidenden Fehler.
Gretas erster Sieg bei dieser Meisterschaft. Ein Wendepunkt?
6. Partie
Erstmals bei dieser Meisterschaft konnte Greta Marileen zeigen, was sie technisch drauf hat.

Die Partie hat gerade begonnen. Bald muss der Fotograf den Saal verlassen.
In dieser Stellung
bemerkte sie, wie anfällig der Lf6 steht, was vermutlich nicht jeder in diesem Alter erkennt. Ihre Gegnerin sah offenbar nicht die Gefahr, die durch den nächsten Zug, h3, aufzog. Zwei Züge später kam es zu folgender Stellung:
und kurz darauf war der Lf6 „Geschichte“. Mit einer Mehrfigur (gegen ein Bäuerlein) hatte Greta kein Problem, den Sieg einzufahren.
7. Partie
Jetzt wurde es spannend. Greta Marileen spielte mit Weiß gegen eine Gegnerin, die im Internet ein Spielerprofil mit 21 Partien angelegt hatte. Darauf kann man aufbauen.
Allerdings stellten wir fest, dass Elisabeth, die Gegnerin, Sizilianisch spielte und jede Partie, bei der Weiß mit Sf3 und d4 darauf einging, gewonnen hatte. Greta bekam Angst vor ihr.
Aber wir entdeckten, dass sie die einzigen beiden Partien, in denen Weiß einen Anti-Sizilianer spielte, verloren hatte. Sie spielte also etwas statisch. Wir erarbeiteten daher eine Eröffnung, bei der Greta den Sizilianer mit 2. Sf3 antäuschte, aber danach nicht d4 spielte.
Es war keine allzu ambitionierte Eröffnung für Weiß, erwischte aber planungsgemäß Schwarz auf dem falschen Fuß.
Nach 2.e6: Wird Greta Marileen sich an die Vorbereitung erinnern? Aber ja!
Tatsächlich kam Elisabeth nicht gut mit dem „Anti-Sizilianer“ klar und spielte nicht die besten Züge. Einmal mehr konnte Greta ihre immer besser werdende Technik anwenden.
In einer späteren Stellung hatte Schwarz mit f5 die Deckung vernachlässigt.
Natürlich setzt Elisabeth nach exf5 Matt auf g2. Aber darüber dachte Greta nicht eine Sekunde lang nach.
Nun hätte Lxe6 einen ordentlichen Vorteil herausgeholt. Doch warum sollte man nicht Ld5 versuchen? Den Be6 könnte man nach dem Damenwegzug immer noch schlagen.
Offenbar hatte Schwarz gar nicht gesehen, dass exd5 nicht klappt und verlor im übernächsten Zug die Dame. Greta Marileen hat alles gesehen und richtig beurteilt.
Wow!
8. Partie
Nach drei Siegen in Folge musste Greta dieses Mal eine Niederlage quittieren.
Nachdem sie mit dem Damengambit nicht gut zurechtkam – wir sollten unbedingt mal 1. d4 üben –, verbesserte Weiß nach und nach die Stellung. Am Ende beurteilte Greta eine Tauschaktion falsch und musste direkt aufgeben.
Das ging leider schief.
9. Partie
Wir hatten uns auf den zu erwartenden Drachen gut vorbereitet, aber wer will es den Mädels verdenken, bei dieser Turniersituation, beide hatten 3,5 aus 8, nicht mehr aufs Ganze zu gehen.
Remisangebote waren erst ab dem 20. Zug erlaubt und genau nach diesem einigte man sich auf ein Unentschieden. Schade, denn Greta Marileen hätte ohne Risiko auf Gewinn spielen können. Kein Selbstläufer, aber möglich. Sie wollte aber, wie die Gegnerin, einfach fertig werden.
Noch einmal wurde es für Greta mit Weiß etwas brenzlig, aber einmal mehr bewies sie, dass sie einiges an Technik beherrscht.
Gerade hatte die Gegnerin wegen der Möglichkeit Sd6+ d7-d5 gezogen. Ist der Bd5 nicht dreimal gedeckt bei nur zwei Angriffen?
Die meisten Kinder hätten das wohl so gesehen und jetzt oder einen Zug später den Lc4 zurückgezogen. Nicht so Greta, die immer mehr zur Gabelexpertin wird.
Nach exd5, exd5 und Lxd5 sah es so aus:
Jetzt kann weder der Springer, da gefesselt, noch die Dame, wegen der Springergabel auf c7, den Läufer schlagen. Das hatte Greta bereits nach d5 gesehen.
Das finde ich wirklich sehr beeindruckend!
Allerdings: Remis nach 20 Zügen.
Pokémon Cap (links unten), den Greta drei Tage zuvor gebastelt hatte, „half“ ihr ab der 6. Runde, und zwar meistens erfolgreich. Kein unerlaubtes Hilfsmittel (:-).
Was bedeutet „Die Verwandlung“?
Noch eines wäre zu klären: Was bedeutet eigentlich die Überschrift „Die Verwandlung“?
Nun, Greta Marileen war nach den ersten vier Partien förmlich am Boden zerstört, verwandelte sich danach aber in eine siegeswillige Spielerin, die noch nicht ihr volles Potential ausschöpfen konnte. Aber ihre Steigerung von Partie zu Partie ab Runde fünf war klar erkennbar und macht Lust auf mehr tolles Schach.
Doch auch der Verfasser dieses Berichtes erfuhr eine Verwandlung. Angereist als Trainer und moralische Stütze, wurde ich zum Sekundanten, der die restlichen fünf Partien mit Greta zusammen vorbereitete. Ohne ihre intensive Mitarbeit wäre das nicht möglich gewesen.
Nun bleibt zu hoffen, dass sich bei der nächsten Rheinhessenmeisterschaft im Januar gleich mehrere Kinder und Jugendliche für die RLP-Meisterschaften qualifizieren. Das Potential ist vorhanden.
Es waren für uns beide fünf intensive Tage, bei denen wir trotz „Schach-Action“ auch das tolle Wetter und vor allem die Sommerrodelbahn genießen konnten.
Mal sehen, wie groß unsere Delegation in Willingen 2027 sein wird. 😉
Für uns Schachbären Heimersheim ist dieser Bericht ein schönes Beispiel dafür, worum es im Schach neben Punkten, Tabellen und Ergebnissen auch geht: um Mut, Durchhalten, gemeinsames Lernen und die Freude daran, sich weiterzuentwickeln. 🐻♟️
Ein herzliches Dankeschön an Thomas Klein für seinen großen Einsatz, die intensive Betreuung und natürlich für diesen ausführlichen Bericht!
„Schach ist wie das Leben: Manchmal steht man schlechter – entscheidend ist, dass man weiterspielt.“
Bleibt gesund!
Die Schachbären Heimersheim 🐻♟️











